Du bist irritiert? Was hat denn Hitler mit Palästina zu tun? 

Slogans wie Free Palestine und From the River to the Sea knüpfen inhaltlich an die nationalsozialistische Ideologie und ihren Antisemitismus an.[1] Und auch historische Zusammenhänge gibt es: Seit den 1930er-Jahren arbeiteten arabische und deutsche Antisemiten im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina eng zusammen. 

Eine zentrale Figur dieser Zusammenarbeit war der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Er ist als maßgeblicher Stichwortgeber für das Tragen der Kufiya berühmt geworden – im Jahre 1936 forderte er die Bevölkerung auf, das Tuch zu tragen –, aber das sei hier nur am Rande erwähnt (mehr dazu weiter unten). Amin Al-Husseini war nicht nur bekennender Anhänger von Adolf Hitler und dem deutschem Nationalsozialismus,[2] sondern arbeitete mit den Nazis auch aktiv zusammen. Zum Beispiel, indem er muslimische SS-Einheiten auf dem Balkan organisierte, u.a. auf dem Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina. Hinzu kam ideologische Zusammenarbeit: Die Nazis nutzten den Propagandasender Radio Zeesen, um ihre Vernichtungsphantasien auf Arabisch im Nahen Osten zu verbreiten. Dabei waren sie sich nicht zu schade, Koran-Zitate zu benutzen, um Judenhass zu untermalen. Hier bekam Amin Al-Husseini, der ›Erfinder des Palituchs‹, regelmäßig Platz für seine antisemitischen Hassparolen: ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung des heutigen antisemitischen Islamismus.[3] Die deutschen Nazis ergänzten antijüdische Passagen aus dem Koran mit Elementen des modernen Antisemitismus, welche noch heute das Weltbild von Organisationen wie der Hamas prägen.[4]

Amin Al-Husseini war Vorbild und Mentor von Jassir Arafat, dem späteren Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Um sein Ansehen und seinen Führungsanspruch zu stärken, behauptete Arafat stets, er stamme wie der Mufti aus dem Clan der Husseinis und sei wie dieser in Jerusalem geboren. Auch bei Arafat bricht die Verbindung mit den deutschen Nazis leider nicht ab: In den Trainingslagern der PLO trainierte u.a. die Wehrsportgruppe Hoffmann, welche ein neonazistisches Programm verfolgte und mit antisemitischen Morden in der BRD in Verbindung gebracht wird.[5] Diese Nazis, die später Kontakte zu linken Terroristen aus dem Umfeld der Roten Armee Fraktion (RAF) suchten, mit denen sie zeitgleich in den Lagern der PLO ausgebildet wurden, zeigen den Antisemitismus als gefährliches Bindemittel zwischen linken und rechten Positionen.[6]

Interessiert dich auch die Geschichte der Kufiya? Dann findest du hier weitere Hintergründe.

Der langjährige PLO-Anführer Jassir Arafat machte die Kufiya zu seinem Markenzeichen und somit zum Symbol der nationalen Befreiung. Für die PLO meinte diese Befreiung bis 1993 die Zerstörung Israels und damit die massenhafte Ermordung seiner jüdischen Bewohner*innen. Die deutsche Linke solidarisierte sich ab 1967 mit der ›Befreiung Palästinas‹ und rief zum Kampf gegen den ›zionistischen Aggressor‹ – Israel – auf. Dass sich Linke mit der Vernichtung ausgerechnet des Staates solidarisieren, der als Reaktion auf die Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen gegründet wurde, um ihnen fortan Schutz zu gewähren, zeugt von Geschichtsvergessenheit.

Diese Haltung setzt sich heute, mehr als ein Jahr nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober, nahtlos fort – und immer noch spielt die Kufiya eine Rolle: als Identifikationssymbol und modischer Ausdruck des Versuches, das Massaker als Akt des Widerstands umzudeuten und dem jüdischen Staat seine Existenzberechtigung abzusprechen. Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas-Männer Zivilist*innen und Soldat*innen in Israel, folterten, vergewaltigten und ermordeten sie. Ein Massaker an mehr als 1.200 Menschen – 239 Menschen wurden entführt.  Die Hamas filmte ihre Morde und verbreitete die Videos recht erfolgreich in den sozialen Medien. Eine globale Medienstrategie, die nicht zuletzt durch KI-Bilder auf Tik-Tok und in weiteren Netzwerken über die nächsten Monate vorangetrieben wurde. Die Verknüpfung, das Massaker als gerechtfertigte, revolutionäre Befreiung zu deuten, kam in der europäischen Linken gut an. Die Kufiya zu tragen bedeutet, sich mit den Werten der Hamas zu identifizieren.


[1]      Die politische Vertretung der Palästinenser*innen hat historisch alle Angebote, die ihr einen souveränen Staat ermöglicht hätten, abgelehnt. Offenbar ist es den Palästinenser*innen (bzw. wiederum: ihrer politischen Vertretung) bisher wichtiger, den israelischen Staat zu bekämpfen, als einen eigenen Staat zu erhalten. In diesem Sinne können wir ›Free Palestine‹ leider nur als Fortsetzung der nationalsozialistischen Losung eines ›judenreinen‹ Staates deuten.

[2]      Hier findest du zum Beispiel Fotos davon, wie der Großmufti das Vernichtungslager Treblinka besucht: https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/amin-al-husseini-nazi-concentration-camp

[3]      Jens Rosbach, Nazi-Propaganda auf Arabisch, Deutschland Funk Kultur vom 8. Oktober 2010, https://www.deutschlandfunkkultur.de/nazi-propaganda-auf-arabisch-100.html

[4]      Helmut Kuhn, NS-Propaganda – Kurze Welle, lange Folgen, Jüdische Allgemeine vom 6. Juli 2024, https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/kurze-welle-lange-folgen/

[5]      Thomas Lecorte, Die Umtriebe des Karl-Heinz Hoffmann, Antifaschistisches Infoblatt – 104 – 4/2014 vom 31. Januar 2015, https://antifainfoblatt.de/aib105/die-umtriebe-des-karl-heinz-hoffmann

[6]      Samuel Salzborn, Die Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus – Drei Fallstudien,  Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/224934/die-stasi-und-der-westdeutsche-rechtsterrorismus-drei-fallstudien-teil-ii/